Ohne Par­tei­zwän­ge zu guten Ent­schei­dun­gen

Ber­gi­sche Mor­gen­post vom 03-09-2020
Roland Kirch­ner tritt bei der OB-Wahl am 13. Sep­tem­ber als Kan­di­dat der Wäh­ler­ge­mein­schaft in Rem­scheid (W.i.R.) an – gegen Burk­hard Mast-Weisz (SPD), Ale­xa Bell (CDU), Fritz Bei­ners­dorf (Die Lin­ke), Bet­ti­na Stamm (echt.Remscheid) und Peter Keck (Pro Rem­scheid).
Von Hen­ning Röser

Die Kom­mu­nal­po­li­tik hat Roland Kirch­ner schon vor 1999 mit viel Inter­es­se ver­folgt. „Irgend­wann war mir Leser­brief­schrei­ben nicht mehr genug“, sagt der 58-jäh­ri­ge Len­ne­per. Zusam­men mit 15 Mit­strei­tern grün­de­te er am 16. März 1999 die Wäh­ler­ge­mein­schaft in Rem­scheid (W.i.R.). „Ich hät­te sicher auch in einer eta­blier­ten Par­tei eine Hei­mat gefun­den“, sagt er. Doch wie auch sei­nen Mit­strei­tern ging es Kirch­ner dar­um, „mich für Rem­scheid ein­zu­set­zen, ohne dabei Stall­or­der von oben zu bekom­men“.

Wie Par­tei­zen­tra­len in die Arbeit vor Ort ein­wir­ken kön­nen, erleb­ten die spä­te­ren W.i.R.-Gründer, als sie zunächst einen Orts­ver­band der Statt Par­tei grün­de­ten. Als sich die Zen­tra­le in Bre­men bei der Auf­stel­lung des Kom­mu­nal­wahl­pro­gramms ein­misch­te, war der Zeit­punkt gekom­men, die Not­brem­se zu zie­hen. Kurz dar­auf wur­de die W.i.R. gegrün­det, und ist seit­dem im Rat ver­tre­ten.

Dort hol­te sie sich „vie­le blu­ti­ge Nasen“, wie sich Kirch­ner erin­nert. Etwa beim Bür­ger­be­geh­ren gegen den Bau des Ämter­hau­ses in der Alten Post am Ebert-Platz. SPD und Grü­ne schlos­sen sich an, aller­dings mit ande­ren Zie­len. „Wir woll­ten das Ämter­haus bes­ser und güns­ti­ger machen, die ande­ren woll­ten es ver­hin­dern, weil Fred Schulz (damals Ober­bür­ger­meis­ter der CDU, Anmer­kung der Redak­ti­on) kei­nen Erfolg haben soll­te.“ Als die CDU der W.i.R. Zuge­ständ­nis­se mach­te, zog die­se das Bür­ger­be­geh­ren zurück. „Da haben wir die vol­le Här­te der ein­ge­fah­re­nen Wege der Kom­mu­nal­po­li­tik zu spü­ren bekom­men.“

Die poli­ti­sche Arbeit hat sich für ihn immer dann gelohnt, „wenn etwas pas­siert, wenn gute Ent­schei­dun­gen getrof­fen wer­den“. Das Ergeb­nis sei wich­ti­ger, als dass W.i.R. drauf steht. „Man muss Honig dar­aus sau­gen, dass man dar­an mit­ge­wirkt hat.“ Die W.i.R. sei offen für gute Vor­schlä­ge und habe immer das Inter­es­se, sie noch zu ver­bes­sern. Unab­hän­gig­keit ist der Wäh­ler­ge­mein­schaft wich­tig.

In der zu Ende gehen­den Wahl­pe­ri­ode saß Kirch­ner nicht im Rat, beschränk­te sich auf die Arbeit in der Bezirks­ver­tre­tung Len­nep. Das macht ihm Spaß, aber es hat Nach­tei­le. „Ich habe gemerkt, dass Kom­mu­nal­po­li­tik light nicht mög­lich ist.“ Man müs­se in die­sem Sys­tem gut ver­netzt sein, viel lesen, auch die Vor­gän­ge in ande­ren Aus­schüs­sen des Rates mit­krie­gen. Dar­um hat er sich dazu ent­schlos­sen, „wie­der voll ein­zu­stei­gen“. Kirch­ner ist bei der Kom­mu­nal­wahl am 13. Sep­tem­ber Spit­zen­kan­di­dat der Rats­lis­te der W.i.R. und tritt zudem als Ober­bür­ger­meis­ter­kan­di­dat an.

Eine prag­ma­ti­sche Ent­schei­dung. Die Erfah­rung zei­ge, dass man mit eige­nem OB-Kan­di­da­ten mehr wahr­ge­nom­men wer­de. Die­se Rol­le über­nimmt er ger­ne für die Wäh­ler­ge­mein­schaft, bei der Per­so­nen übli­cher­wei­se nicht in den Vor­der­grund gestellt wer­den. Kirch­ner beschreibt sich selbst als Mensch, der „sehr in sich ruht“, der „gut Teams bil­den kann“, der „eher den Schild mit­trägt, als sich von ande­ren tra­gen zu las­sen“.

Das Rats­in­for­ma­ti­ons­sys­tem führt Kirch­ner als Haus­mann, frü­her stand dort Hand­for­mer. Ein Beruf, den es so nicht mehr gibt. Mit einem Abdruck im Sand form­te Kirch­ner eine Form für das Gie­ßen eines Modells, mit dem in klei­ner Stück­zahl Kopi­en von Werk­stü­cken meist aus der Metall­in­dus­trie erstellt wur­den. Frü­her sei es zu teu­er gewe­sen, dafür ein Pro­gramm für eine CNC-Maschi­ne zu schrei­ben. Statt­des­sen kamen die Fir­men in den klei­nen Betrieb, den sein Vater 1957 grün­de­te und in dem Kirch­ner von 1978 bis 1981 sei­ne Leh­re mach­te. In Rem­scheid war er da schon der ein­zi­ge Azu­bi. Zur Berufs­schu­le fuhr er nach Düs­sel­dorf. Nach dem Tod des Vaters 1989 führ­te er den Betrieb wei­ter. Zeit­wei­se neben der Arbeit in der Frak­ti­ons­ge­schäfts­stel­le. „In die­ser Zeit gab es viel Sams­tags­ar­beit“, sagt er. Irgend­wann lohn­te es sich nicht mehr. Seit­dem ist er Pri­va­tier. „Den Begriff gibt es offen­bar nicht im Rats­in­for­ma­ti­ons­sys­tem der Stadt“, sagt Kirch­ner schmun­zelnd.

Die Lust auf Kom­mu­nal­po­li­tik hat Kirch­ner an sei­ne drei Kin­der (zwei Jungs, ein Mäd­chen) wei­ter­ge­ge­ben. Alle drei waren Mit­glie­der im Jugend­rat der Stadt, zehn Jah­re lang waren die Kirch­ners unun­ter­bro­chen im Jugend­rat ver­tre­ten. „Sie spre­chen heu­te noch sehr posi­tiv über die Zeit dort.“ Das Inter­es­se ist geblie­ben, die Aus­bil­dung hat die Kin­der aber ande­re Prio­ri­tä­ten set­zen las­sen. Kirch­ner kann das gut ver­ste­hen: „Kom­mu­nal­po­li­tik ist zeit­in­ten­siv.“