Der RGA spricht mit den Kan­di­da­ten für die Ober­bür­ger­meis­ter­wahl: Roland Kirch­ner tritt für WiR an

Pres­se­ar­ti­kel im rga vom 10.08.2020, von Frank Mich­al­c­zak

Ohne das DOC ver­lie­ren wir den Anschluss“

Herr Kirch­ner, Sie genie­ßen mit Ihrer Fami­lie Ihr Leben als Pri­vat­mann, wie Sie selbst sagen. War­um wol­len Sie sich den Kno­chen­job als Ober­bür­ger­meis­ter antun?
Roland Kirch­ner: Weil ich Spaß dar­an habe. Ich ver­bin­de mit der Wahl zum OB kei­ner­lei wirt­schaft­li­chen Inter­es­sen – für mich ändert sich nichts, ob ich es wer­de oder nicht. Ich habe den Luxus, das zu tun, wor­an ich Spaß habe. Und das ist zunächst ein­mal, mei­ne Kan­di­da­tur mit Leben zu erfül­len.

Aber wo liegt denn für Sie genau die­ser Spaß in der Kom­mu­nal­po­li­tik?
Kirch­ner: Sie haben in der Kom­mu­nal­po­li­tik den unmit­tel­ba­ren Kon­takt zu den Men­schen. Man kennt die Leu­te, mit denen man zusam­men­ar­bei­tet, per­sön­lich. Außer­dem liegt zwi­schen der Ent­schei­dung und der Umset­zung von Beschlüs­sen ein kur­zer Weg. Dies ist auf Lan­des- und Bun­des­ebe­ne zumeist ganz anders.

Sie tre­ten für die Wäh­ler­ge­mein­schaft WiR an, die Sie 1999 mit aus der Tau­fe geho­ben haben. Kam für Sie nie eine Par­tei­mit­glied­schaft infra­ge?
Kirch­ner: Nein, ich habe noch nie einer Par­tei ange­hört – obwohl ich schon seit mei­ner Schul­zeit ein poli­ti­scher Mensch war. Mich hat es schon immer inter­es­siert, Ver­fah­ren und Ent­schei­dungs­we­ge zu beob­ach­ten. Und daher hat­te ich lan­ge die Idee, poli­tisch tätig zu wer­den.

Seit 1999 sind Sie bei der WiR enga­giert – einer Wäh­ler­ge­mein­schaft, die nach ihrem Selbst­ver­ständ­nis gro­ßen Wert auf Unab­hän­gig­keit und Bür­ger­nä­he legt. Aber feh­len da nicht der rote Faden und ein Kom­pass, der Wäh­lern Ori­en­tie­rung bie­tet, wofür die WiR steht?
Kirch­ner: Für uns kam es von Anfang an dar­auf an, dass wir uns aus­schließ­lich für Rem­scheid enga­gie­ren – ohne dass uns da jemand rein­re­det. Es ist uns in der WiR wich­tig, sach­lich mit unter­schied­li­chen Ide­en und Mei­nun­gen umzu­ge­hen. Das sorgt für Viel­falt und ver­hin­dert, dass man in sei­ner eige­nen Sup­pe kocht. Ich wür­de die WiR als gut bür­ger­lich bezeich­nen – mit vie­len Indi­vi­dua­lis­ten. Ein Bei­spiel: Die Grü­nen müs­sen grün sein und ent­spre­chen­de Poli­tik betrei­ben. Wir müs­sen nicht, son­dern wir dür­fen grün sein, wenn wir es bei Sach­fra­gen für rich­tig hal­ten.

Kom­men wir zu kom­mu­nal­po­li­ti­schen Fra­gen. Sie zäh­len zu den Befür­wor­tern des Desi­gner Out­let Cen­ters. War­um eigent­lich?
Kirch­ner: Grund­sätz­lich hal­te ich die­se Cen­ter für ent­behr­lich. Sie haben ihren Ursprung in Ame­ri­ka, wo es ein ganz ande­res Ein­zel­han­dels­sys­tem gibt als bei uns. Wenn wir aber die Gele­gen­heit nicht nut­zen, das DOC anzu­sie­deln, ver­lie­ren wir den Anschluss. Denn dann kommt es eben woan­ders hin – und eine ande­re Stadt, eine ande­re Regi­on wür­de von den Impul­sen pro­fi­tie­ren. Uns kam es aber immer dar­auf an, dass das DOC für das Leben der Bür­ger so ver­träg­lich wie nur mög­lich sein muss. Dar­über gab es in den letz­ten zehn Jah­ren immer wie­der Mei­nungs­ver­schie­den­hei­ten mit ande­ren Befür­wor­tern des Out­let Cen­ters im Stadt­rat.

Eigent­lich soll­te längst die Rem­schei­der Innen­stadt umge­baut wer­den. Wie beur­tei­len Sie es, dass in den letz­ten sechs Jah­ren so gut wie nichts gesche­hen ist?
Kirch­ner: Das liegt auch an einem grund­sätz­li­chen Pro­blem: Es wer­den Kon­zep­te geschrie­ben, die zu För­der­pro­gram­men von Land und Bund pas­sen müs­sen, um an Geld zu gelan­gen. Viel sinn­vol­ler wäre es, Städ­ten wie Rem­scheid die Ent­schei­dung zu über­las­sen, wel­che Pro­jek­te tat­säch­lich sinn­voll sind – und dafür Finanz­mit­tel bereit­zu­stel­len. Ein Bei­spiel dafür ist der geplan­te Umbau des Fried­rich-Ebert-Plat­zes, der aus diver­sen För­der­töp­fen bezahlt wird, aber nicht unbe­dingt zu Rem­scheid passt und in der Bevöl­ke­rung auf kei­ne gro­ße Gegen­lie­be stößt. Hier wur­de Bür­ger­be­tei­li­gung insze­niert. Poli­tik und Ver­wal­tung haben sich von einem Archi­tek­ten­wett­be­werb abhän­gig gemacht. Und sie kön­nen nun froh sein, dass der Gewin­ner noch die eine oder ande­re Idee berück­sich­ti­gen wird.

Auch ande­re Pro­jek­te wur­den noch nicht umge­setzt – die Ter­ras­sen auf der Alten Bis­marck­stra­ße zum Bei­spiel, wo die Außen­gas­tro­no­mie erwei­tert wer­den soll, oder auch das Licht­kon­zept auf der Allee­stra­ße.
Kirch­ner: Da muss man unter­schei­den. Das Licht­kon­zept ist ein typi­sches Bei­spiel für ein Pro­jekt, das am Reiß­brett ent­stan­den ist. Feh­len­des Licht auf der Allee­stra­ße ist nun wirk­lich nicht das größ­te Pro­blem, das Rem­scheid hat. Bei den Plä­nen für die Alte Bis­marck­stra­ße wer­den hin­ge­gen Ide­en von Bür­gern auf­ge­grif­fen, die dort leben, arbei­ten und ver­an­kert sind. Das ist nicht am grü­nen Tisch ent­wor­fen wor­den, son­dern hat sei­nen Ursprung in bür­ger­schaft­li­chem Enga­ge­ment. Dass dies noch nicht umge­setzt wur­de, liegt sicher­lich auch dar­an, dass Coro­na dazwi­schen gekom­men ist.

Es wur­de in den letz­ten Jah­ren viel über den Nie­der­gang der Allee­stra­ße dis­ku­tiert. Was wür­den Sie denn dage­gen unter­neh­men?
Kirch­ner: Das ist ein sehr dickes Brett, das wir boh­ren müs­sen. Vor 15 Jah­ren brach­te ein Fach­mann die Idee auf, die Allee für den Ver­kehr zu öff­nen – nicht etwa um die Erreich­bar­keit der Geschäf­te zu ver­bes­sern, son­dern um den Fuß­gän­gern Raum zu neh­men und somit, mehr Fre­quenz vor­zu­täu­schen. Das wur­de nur halb­her­zig getes­tet. Nun ist dafür der Zug abge­fah­ren. Aus mei­ner Sicht müs­sen wir in ande­re Rich­tun­gen als Ein­zel­han­del den­ken. Es ist aber sinn­voll, Frei­räu­me zu erhal­ten, Fre­quenz­brin­ger wie Behör­den oder Schu­len in die Leer­stän­de zu pla­nen und mehr Auf­ent­halts­qua­li­tät zu schaf­fen, damit sich die Men­schen dort wohl­füh­len.

Nach dem Per­so­nal­ab­bau in der Stadt­ver­wal­tung müs­sen die Bür­ger mit Ser­vice­ver­lust leben – etwa im Ämter­haus oder bei der Bear­bei­tung von Bau­an­trä­gen. Was wol­len Sie denn dage­gen unter­neh­men?
Kirch­ner: Uns fehlt kom­pe­ten­tes Per­so­nal – damit mei­ne ich nicht die Qua­li­tät, son­dern die Quan­ti­tät der Mit­ar­bei­ter. 2012 wur­de beschlos­sen, 280 Arbeits­stel­len abzu­bau­en. Dabei wur­de aber nicht dar­über gespro­chen, wel­che Auf­ga­ben zukünf­tig erfüllt wer­den müs­sen. Statt­des­sen fie­len Stel­len ein­fach weg, wenn Mit­ar­bei­ter den Ruhe­stand erreicht hat­ten oder zu einem ande­ren Arbeit­ge­ber wech­sel­ten. Das war vor allem dann bit­ter, nach­dem sie bei der Ver­wal­tung eine gute Aus­bil­dung erhal­ten hat­ten und dann dem Rat­haus den Rücken kehr­ten. Auch das hat zu den Eng­päs­sen im Ämter­haus und der Bau­ver­wal­tung geführt. Es wur­de nicht wirk­lich Per­so­nal­pla­nung betrie­ben. Sie muss vor­aus­schau­en­der sein.

Sie wären als OB Chef von über 1500 Mit­ar­bei­tern. Kri­ti­ker könn­ten Ihnen vor­wer­fen, dass Ihnen dafür die Erfah­rung feh­le. Was ent­geg­nen Sie ihnen?
Kirch­ner: Ober­bür­ger­meis­ter ist ein Beruf, den man nicht erler­nen kann. Ich habe aber bewie­sen, dass ich Men­schen zusam­men­füh­ren und dass ich Teams bil­den kann, die Erfol­ge erzie­len. Und nur im Team sind Erfol­ge mög­lich. Ich bin dank­bar, noch nie geschei­tert zu sein – das gilt für mei­ne frü­he­ren beruf­li­chen Tätig­kei­ten, für mei­ne Selbst­stän­dig­keit und auch für mei­nen Ein­satz im Len­ne­per Ver­kehrs- und För­der­ver­ein, in dem ich als Schatz­meis­ter für die Finan­zen zustän­dig bin. Mir geht es dar­um, Men­schen für Zie­le zu begeis­tern. Ein lan­ger Atem ist dafür die Vor­aus­set­zung. Und ich bin ein Aus­dau­er­sport­ler und kein Sprin­ter.